Der erste Zug des Morgens fährt ab, während die Bahnhofslampen noch brennen. Er ist kurz: drei Wagen, vor allem Einheimische mit Thermoskannen voller Kaffee, hier und da ein Wanderer mit dem Rucksack zwischen den Knien und ein paar Reisende, die von dem Halt gehört haben und es nicht so recht glauben können.
Etwa auf halber Strecke, dort, wo sich das Gleis um die Flanke des Hügels windet, wird der Zug langsamer und bleibt schließlich ganz stehen. Hier gibt es keinen Bahnsteig, kein Schild und keine Durchsage – nur ein kurzes, freundliches Wort vom Lokführer. Alle wissen, was jetzt kommt.
Unten liegt das Tal noch im Schatten. Dann erreicht das Licht den fernen Kamm, gleitet die Hänge hinab und ergießt sich über Felder und Dächer, eines nach dem anderen. An den Fenstern auf der Ostseite drängen sich die Gesichter. Irgendwer vergisst jedes Mal, ein Foto zu machen, weil er zu sehr mit Schauen beschäftigt ist.
Eine Pause, die zur Tradition wurde
Wann genau die Pause begann, scheint niemand zu wissen. Manche Stammfahrgäste glauben, ein Lokführer habe vor Jahren an ruhigen Morgen damit angefangen und die Gewohnheit sei einfach geblieben. Andere vermuten, der Fahrplan sei behutsam angepasst worden, um Platz dafür zu schaffen. Wie auch immer es begann: Diesese wenigen Minuten gehören längst zur Reise und gelten nicht als Verspätung.
Pendler, die diese Strecke jeden Tag fahren, sagen, dass sie immer noch aufschauen. Besucher steigen meist mit gezücktem Handy ein – und mit dem Handy in der Tasche wieder aus.
Dann zischen die Bremsen, die Wagen ruckeln sanft, und der Zug fährt weiter den Hügel hinauf: ein paar Minuten verspätet, und niemand stört sich daran.




